Muss ich immer meine gesamte Kameraausrüstung mitnehmen?

Welcher Fotograf kennt das nicht – lieber mal alles mitnehmen, man könnte es ja brauchen …
Für alle Fälle gerüstet
In meinen Anfangszeiten gab es für mich beim Fotografieren eine ziemlich einfache Regel: Wenn ich losging, musste möglichst die gesamte Kameraausrüstung mit. Dabei spielte es eigentlich keine Rolle, was ich an diesem Tag fotografieren wollte, es wurde alles, was ich an Objektiven hatte, in den Fotorucksack gepackt.
Schließlich hätte während einer Wildlife-Tour plötzlich ein Schmetterling vor mir auf einer Blüte landen können. Also musste natürlich das Makroobjektiv mit. Und wenn ich schon unterwegs war, konnte irgendwo auch noch ein interessantes Landschaftsmotiv auftauchen. Also brauchte ich selbstverständlich auch dafür das passende Objektiv. Das Stativ durfte ebenfalls nicht fehlen. Es hätte ja sein können, dass irgendwo Wasser ins Spiel kommt und ich spontan auf die Idee komme, mit einer längeren Belichtungszeit dessen Bewegung weichzuzeichnen.
So wanderte vorsichtshalber immer mehr Ausrüstung in den Rucksack, als ich gebraucht hätte. Das Ergebnis war ein ziemlich schwerer Begleiter auf dem Rücken und das beruhigende Gefühl, auf wirklich alles vorbereitet zu sein.
Die Angst, nicht das richtige Objektiv dabeizuhaben
Der Gedanke dahinter war eigentlich nachvollziehbar: Ich wollte vermeiden, irgendwann vor einem großartigen Motiv zu stehen und ausgerechnet das dafür benötigte Objektiv zu Hause liegengelassen zu haben.
Also nahm ich lieber alles mit. In der Theorie klingt das sogar vernünftig. In der Praxis führte es allerdings dazu, dass ich ständig darüber nachdachte, was ich mit meiner gesamten Ausrüstung noch fotografieren könnte. Sitzt dort ein Schmetterling? Tele runter, Makro drauf. Bis der Wechsel erledigt ist, hat der Schmetterling möglicherweise längst beschlossen, woanders weiterzumachen. Taucht kurz darauf irgendwo ein Hase auf, beginnt das Spiel in die andere Richtung: Makro runter, Tele drauf. Und während ich eigentlich fotografieren wollte, war ich plötzlich hauptsächlich damit beschäftigt, Objektive zu wechseln und nach dem nächsten möglichen Motiv Ausschau zu halten.
Zu viele Möglichkeiten können blockieren
Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich die große Auswahl nicht freier machte, sondern eher blockierte. Ich wollte nichts verpassen und war dadurch gedanklich ständig bei dem, was vielleicht als Nächstes passieren könnte. Statt mich auf das Motiv vor mir zu konzentrieren, hielt ich gleichzeitig Ausschau nach allem anderen.
Ein schönes Beispiel dafür ist die Drohne. Selbst wenn ich mir vorgenommen hatte, gezielt mit der Drohne loszuziehen, kam schnell der Gedanke: Die Kamera nehme ich sicherheitshalber trotzdem mit – schließlich könnte am Boden irgendetwas Interessantes passieren. Und schon beginnt das gleiche Spiel. Konzentriere ich mich jetzt auf die Drohne oder greife ich doch zur Kamera?
Heute sehe ich das wesentlich einfacher: Gehe ich mit der Drohne los, nehme ich die Drohne mit. Punkt. Gehe ich zum Fotografieren los, nehme ich die für mein Vorhaben erforderliche Kameraausrüstung mit. Feierabend.
Dazu kam natürlich das Gewicht. Ein großer Fotorucksack mit mehreren Objektiven, weiterem Zubehör und vielleicht noch einem Stativ macht sich nach einigen Kilometern durchaus auf dem Rücken bemerkbar. Und irgendwann stellte sich mir die Frage, warum ich das alles eigentlich durch die Gegend trage, wenn ich am Ende ohnehin nur einen kleinen Teil davon benutze.
Die Erkenntnis hat bei mir eine Weile gebraucht: Nur weil ich theoretisch für jedes Motiv das passende Objektiv dabeihabe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich dadurch bessere oder mehr Bilder mache. Im Gegenteil. Im schlimmsten Fall versucht man alles gleichzeitig zu fotografieren, blockiert sich damit selbst und kommt am Ende unter Umständen ohne Bild nach Hause.

Man kann nur auf einer Hochzeit tanzen
Heute lege ich deshalb schon vor dem Losgehen fest, was ich fotografieren möchte. Wenn ich sage, heute ist Makro angesagt, brauche ich dafür eine Kamera, das Makroobjektiv und gegebenenfalls noch einen Blitz. Fertig. Gehe ich gezielt auf Wildlife-Tour, nehme ich das entsprechende Teleobjektiv mit. Möchte ich Landschaft fotografieren, wird die Ausrüstung dafür zusammengestellt.
Natürlich kann mir unterwegs trotzdem etwas begegnen, für das ich ausgerechnet das falsche Objektiv dabeihabe. Dann ist das eben so. Dafür beschäftige ich mich intensiver mit dem Thema, wegen dem ich ursprünglich losgezogen bin. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass man nicht gleichzeitig auf allen Hochzeiten tanzen kann. Oder in diesem Fall vielleicht besser: Man kann nicht gleichzeitig jeden Schmetterling, jeden Hasen und jede Landschaft fotografieren.
Natürlich gibt es Ausnahmen
Das bedeutet nicht, dass ein großer Fotorucksack grundsätzlich unsinnig ist. Es gibt Situationen, in denen ich vorher eben nicht genau weiß, was mich erwartet oder in denen verschiedene Brennweiten tatsächlich notwendig sind.
Bei einem Auftrag oder einer Hochzeit beispielsweise möchte ich natürlich nicht irgendwann feststellen, dass ein wichtiges Objektiv zu Hause liegt. Auch bei bestimmten Ausflügen kann es sinnvoll sein, etwas mehr Auswahl mitzunehmen. Für mich liegt der Unterschied heute darin, dass ich die Ausrüstung bewusst nach dem Einsatzzweck zusammenstelle und nicht mehr grundsätzlich alles einpacke, nur weil ich es besitze.
Fazit
Meine komplette Kameraausrüstung mitzunehmen gab mir früher das Gefühl, auf alles vorbereitet zu sein. Tatsächlich bin ich mir dadurch eher selbst im Weg gestanden. Der Rucksack war schwer, die Auswahl riesig und im Kopf war ich ständig beim nächsten möglichen Motiv.
Heute gehe ich lieber mit einer klaren Vorstellung los und nehme die Ausrüstung mit, die zu dieser Vorstellung passt. Natürlich entgeht mir dadurch gelegentlich ein Bild. Vielleicht sitzt tatsächlich genau an diesem Tag der schönste Schmetterling meines Lebens vor mir, während das Makroobjektiv zu Hause liegt.
Aber das ist mir inzwischen lieber, als jedes Mal mehrere Kilogramm Ausrüstung durch die Gegend zu schleppen und mich unterwegs mit zehn Möglichkeiten gleichzeitig zu beschäftigen. Weniger Ausrüstung bedeutet für mich deshalb nicht automatisch weniger Möglichkeiten, sondern einfach nur andere Möglichkeiten, auf die ich mich dann richtig fokusieren kann … und mein Rücken dankt es mir.
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