Brauche ich wirklich eine 85mm Festbrennweite?

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Ein Bokeh vor dem Herrn

Eine 85-mm-Festbrennweite mit einer Offenblende von f/1,4 ist schon ein besonderes Objektiv.

Die geringe Schärfentiefe und das weiche Bokeh machen einfach Spaß. Bei entsprechend kurzem Aufnahmeabstand kann die Schärfentiefe so gering werden, dass man auf eine einzelne Augenwimper fokussiert und wenige Millimeter dahinter bereits die Unschärfe beginnt.

Gerade für Portraits ist das natürlich reizvoll. Ich selbst besitze ein SIGMA 85MM F1.4 ART und mag dieses Objektiv sehr. Die Bildwirkung ist wunderschön, die Freistellung hervorragend und eigentlich müsste ich es viel häufiger nutzen – eigentlich …

Ein hervorragendes Objektiv steht im Schrank

Die Realität sieht bei mir nämlich anders aus: Mein 85er fristet einen großen Teil seines Lebens im Schrank.

Gerade bei Hochzeiten ist mein Fotorucksack ohnehin schon randvoll. Neben den Kameras und der übrigen Ausrüstung habe ich unter anderem mein SIGMA 35MM F1.4 ART und mein SIGMA 50MM F1.4 ART dabei. Das 85er ist gegenüber dem 50er noch einmal eine andere Hausnummer – sowohl bei der Baugröße als auch beim Gewicht.

Irgendwann stellt sich deshalb ganz pragmatisch die Frage: Wohin damit? Und selbst wenn ich noch einen Platz im Rucksack finden würde, müsste ich das zusätzliche Gewicht den ganzen Tag mit mir herumtragen. So kommt es, dass ich das 85er bislang nur bei wenigen Hochzeiten dabeihatte. Das ist eigentlich schade, denn qualitativ gibt es für mich an diesem Objektiv überhaupt nichts auszusetzen. Ich habe nur wenig Lust, es durch die Gegend zu schleppen.

Das 50mm f/1.4 ist fast genauso gut

Ein weiterer Grund ist mein 50-mm-Objektiv. Auch mit 50 mm und einer Offenblende von f/1.4 bekomme ich eine sehr schöne Freistellung und ein tolles Bokeh. Das 85er kann das noch einmal weicher und geschmeidiger – keine Frage. Aber wie groß ist dieser Vorteil in der fotografischen Praxis tatsächlich?

Für mich ist die Bildwirkung meines 50ers in aller Regel mehr als ausreichend. Gleichzeitig ist es kleiner und leichter und auf einer Hochzeit vielseitiger einsetzbar. Genau deshalb greife ich wesentlich häufiger zum 50er, obwohl das 85er bei bestimmten Aufnahmen vielleicht die noch schönere Freistellung liefern könnte.

Brauche ich zwingend ein 85mm Objektiv für Portraits oder Hochzeiten?

Interessant wird die Frage vor allem für jemanden, der seine Ausrüstung gerade erst zusammenstellt. Wer beispielsweise in die Hochzeits- oder Portraitfotografie einsteigen möchte und seine Objektive erst kaufen muss, kann für ein hochwertiges 85 mm f/1.4 schnell eine Menge Geld ausgeben. Mein SIGMA 85MM F1.4 ART kostete damals rund 1.100 Euro.

Würde ich heute vor der Entscheidung stehen, mehrere Festbrennweiten neu kaufen zu müssen, wäre ein 85er deshalb nicht das erste Objektiv auf meiner Einkaufsliste. Ein 35er und ein 50er wären für mich zunächst die wichtigeren Festbrennweiten. Je nach Arbeitsweise kann natürlich auch ein Zoomobjektiv eine sinnvolle oder sogar bessere Wahl sein. Das 85er würde für mich erst danach kommen.

Fazit

Das soll ausdrücklich keine Kritik an 85-mm-Festbrennweiten sein. Im Gegenteil: Ich sollte mein 85er eigentlich häufiger aus dem Schrank holen. Wer Portraits liebt, gerne mit sehr geringer Schärfentiefe arbeitet und diese typische Bildwirkung eines lichtstarken 85ers möchte, kann mit einem solchen Objektiv sehr viel Freude haben. Ich würde nur nicht den Fehler machen, daraus eine notwendige Anschaffung zu machen. Man braucht kein 85 mm f/1.4, um gute Portraits oder Hochzeitsbilder fotografieren zu können.

Mein 85er ist eines dieser Objektive, bei denen sich Haben und Brauchen wunderbar unterscheiden lassen. Ich habe es gerne. Ich fotografiere gerne damit. Und wenn ich die Bilder sehe, denke ich regelmäßig: Eigentlich solltest du das Ding viel öfter benutzen. Trotzdem bleibt es erstaunlich häufig zu Hause, weil mein 50er für meine Arbeit meistens völlig ausreicht und wesentlich unkomplizierter mitzunehmen ist.

Wer bereits ein 35er und ein 50er besitzt und genau diese besondere 85-mm-Bildwirkung möchte, bekommt mit einem lichtstarken 85er ein großartiges zusätzliches Werkzeug. Wer dagegen gerade erst seine Ausrüstung zusammenstellt und sich fragt, ob ein 85er unbedingt dazugehören muss, dem würde ich sagen: Nein. Ein 85er ist für mich ein wunderbares Nice-to-have – aber ganz sicher keine Voraussetzung für gute Portrait- oder Hochzeitsfotografie.

Anmerkung

Wie sage ich das jetzt 🙂

Durch das Schreiben dieses Beitrags ist mir das 85mm f/1.4 wieder in den Sinn gekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte mich ohnehin eine Bekannte gebeten, Aufnahmen von sich für eine Flyer zu machen. Ich habe also bewusst das 85er mitgenommen (hatte ohnehin nur die Kamera und das Objektiv dabei) und die Portraits mit dem 85mm bei Offenblende gemacht.

Was soll ich sagen…ich habe mich aufs Neue in dieses Objektiv verliebt und will es jetzt wieder öfter benutzen. Dennoch bleibt es dabei, dass man es meiner Meinung nach nicht zwingend braucht, wie oben beschrieben. Auch ich werde es weiterhin nicht mit zu jedem Auftrag mitnehmen, weil es platzlich einfach nicht immer möglich ist. Aber es ist schon ein verdammt geiles Teil!

Ich verlinke hier mal meinen Beitrag zur Fujifilm X-T50 – das Titelbild habe ich mit dem 85er gemacht – die Büsche und Bäume im Hintergrund standen nur etwa 3-4 Meter entfernt…

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