Manchmal muss ein Foto einfach schwarz-weiß sein

Ein Schwarz-Weiß-Foto kann gerade durch das Weglassen von Farbe manchmal viel ausdrucksstärker sein.
Als die Farbe ins Bild kam
Es gab Zeiten, da gab es nur Schwarz-Weiß-Fotografie. Mit dem Farbfilm kam schließlich die Möglichkeit hinzu, die Welt so auf einem Foto so abzubilden, wie wir sie selbst wahrnehmen – in Farbe.
Natürlich war das eine enorme Neuerung, die sprichwörtlich Farbe ins Bild brachte. Heute ist es für uns vollkommen selbstverständlich, dass eine Kamera ein Farbfoto aufnimmt, und der weitaus größte Teil unserer Bilder entsteht auch genau so.
Das ist gut und richtig, denn Farbe ist ein wichtiges Gestaltungsmittel. Sie kann einem Bild Stimmung verleihen, Zusammenhänge verdeutlichen oder sogar selbst der Grund dafür sein, weshalb ein Motiv überhaupt interessant wirkt. Ein Sonnenuntergang ohne seine Farben wäre eben manchmal nur eine ziemlich dunkle Landschaft mit einer hellen Kugel am Horizont.



Und manchmal stört die Farbe einfach
Es gibt aber Bilder, bei denen ich während der Bearbeitung irgendwann feststelle: Die Farbe bringt diesem Foto überhaupt nichts. Schlimmer noch – manchmal lenkt sie sogar von dem ab, was das Bild eigentlich ausmacht. Dann probiere ich die Schwarz-Weiß-Konvertierung aus und plötzlich ist da ein vollkommen anderes Foto.
Der Blick hängt nicht mehr an einem roten Kleidungsstück, einer grünen Wand oder irgendeinem anderen farbigen Element im Hintergrund, sondern am eigentlichen Motiv. Das ist auch fotografisch durchaus erklärbar: Wenn die Farbe verschwindet, bekommen andere Gestaltungselemente automatisch mehr Bedeutung. Licht und Schatten, Helligkeitsunterschiede, Formen, Linien und Strukturen bestimmen nun wesentlich stärker die Wirkung des Bildes. Gerade starke Kontraste oder ausgeprägte Strukturen können dadurch viel deutlicher hervortreten.


Portraits funktionieren für mich besonders gut
Besonders häufig greife ich bei Portraits zu Schwarz-Weiß. Ein gutes Portrait lebt für mich in erster Linie vom Menschen, seinem Gesicht, seinem Ausdruck und der Stimmung des Augenblicks. Farbe kann das unterstützen – sie kann aber genauso gut davon ablenken. In Schwarz-Weiß bleibt plötzlich nur noch das Wesentliche übrig.
Das Gesicht, die Augen, das Licht und der Ausdruck bekommen mehr Gewicht. Gerade bei emotionalen Aufnahmen kann das eine erstaunlich starke Wirkung haben – wird die Farbe entfernt, kann der Blick stärker auf Ausdruck und Emotion gelenkt werden.
Architektur, Linien und Strukturen
Ein zweiter Bereich, bei dem ich sehr gerne zu Schwarz-Weiß greife, ist die Architektur. Gebäude bestehen aus Linien, Flächen, Formen, Licht und Schatten – und genau diese Elemente können ohne Farbe besonders stark wirken.
Eine Fassade mit harten Schatten, eine Treppe, sich wiederholende Fenster oder geometrische Formen brauchen manchmal überhaupt keine Farbe. Im Gegenteil – die Reduktion kann aus einer gewöhnlichen Gebäudeaufnahme beinahe ein abstraktes Bild machen. Ähnliches gilt für viele andere Motive mit ausgeprägten Oberflächen und Strukturen. Holz, Stein, Metall, Falten, Haut oder Wolken leben in Schwarz-Weiß nicht von ihrer Farbe, sondern von ihren Tonwerten und ihrer Struktur.



Schwarz-Weiß ist nicht einfach nur Farbe aus
Dabei ist ein gutes Schwarz-Weiß-Bild für mich nicht automatisch ein gutes Farbfoto, bei dem man lediglich die Sättigung auf null gedreht hat. Wenn die Farbe als Gestaltungsmittel wegfällt, müssen die anderen Bestandteile des Bildes funktionieren.
Zwei vollkommen unterschiedliche Farben können beispielsweise nach der Umwandlung nahezu denselben Grauton ergeben. Deshalb lohnt es sich bei der Bearbeitung, darauf zu achten, wie die einzelnen Farben in Grau umgesetzt werden. Auch Kontrast, Schwarz- und Weißpunkt sowie die Mitteltöne bestimmen anschließend ganz wesentlich den Charakter des Bildes. Ein Schwarz-Weiß-Foto kann weich und ruhig aussehen oder durch kräftige Kontraste ausgesprochen dramatisch wirken.
Nicht jedes Bild gewinnt dadurch
Natürlich kann man jedes Foto in Schwarz-Weiß umwandeln – das bedeutet aber noch lange nicht, dass es dadurch besser wird. Es gibt genügend Motive, bei denen gerade die Farbe das Bild ausmacht. Dann wäre es unsinnig, sie nur deshalb zu entfernen, weil Schwarz-Weiß vermeintlich künstlerischer aussieht.
Für mich gibt es deshalb auch keine feste Regel, wann ein Bild schwarz-weiß sein muss. Ich probiere es bei Bildern, bei denen ich das Gefühl habe, dass Farbe eher ablenkt als hilft. Manchmal schalte ich bei der Bearbeitung auf Schwarz-Weiß um und nach zwei Sekunden ist klar: nein, wieder zurück. Und manchmal sehe ich das Ergebnis und denke sofort: Genau so gehört dieses Bild.



Fazit
Am Ende bleibt es natürlich Geschmackssache. Ich persönlich kann mit einem gut gemachten Schwarz-Weiß-Bild sehr viel anfangen und genieße es, solche Bilder zu betrachten. Es geht für mich deshalb nicht darum, ob Schwarz-Weiß grundsätzlich besser oder schlechter ist als Farbe. Die entscheidende Frage ist viel einfacher: Was tut diesem einen Bild gut? Und manchmal lautet die Antwort eben ganz eindeutig: Dieses Foto muss einfach schwarz-weiß sein.
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